
Details
Originaltitel: The Lady’s Handbook For Her Mysterious Illness
Übersetzung von Sophia Lindsey und Katharina Martl
Taschenbuch, 592 Seiten
btb, 15. Januar 2025
ISBN 978-3442770236
Meine Bewertung
Klappentext
Es gibt eine Geheimgesellschaft, einen Club, von dem noch nie irgendjemand – nicht einmal seine Mitglieder – gehört hat. Wir ähneln uns weder unserem Äußeren noch unserer Kleidung noch unserer Herkunft nach. Es gibt keinen geheimen Handschlag, keine Zentrale, keinen Code.
Die Anzeichen sind nicht zu übersehen. Sie is(s)t glutenfrei, abgekämpft und wahrscheinlich im Besitz mindestens einer Autoimmunerkrankung. Sie ist allergisch auf …. (alles), hat Schmerzen von Kopf bis Fuß, Verdauungsbeschwerden und ein schwieriges Verhältnis zu ihren Fortpflanzungsorganen. Sie ist vergrämt und verschämt, nervös, infektiös.
Sie ist eine von uns.
Sarah Ramey ist Schriftstellerin und unter ihrem Alias Wolf Larsen auch Musikerin und Songwriterin. Sie studierte an der University of Columbia Kreatives Schreiben im Sachbuchbereich und schrieb Texte für Barack Obamas Wahlkampf. Sie hat außerdem chronische Schmerzen. Der Club der hysterischen Frauen ist ihr erstes Buch, in dem sie ihren Weg teils sehr humoristisch beschreibt, das Gesundheitssystem anklagt und außerdem versucht den Ursachen warum Frauen mit chronischen Erkrankungen nicht ernst genommen werden auf den Grund zu gehen.
Rameys (Kranken-)Geschichte beginnt in jungen Jahren, an einem schönen Sommertag springt sie in den See und ahnt nicht, dass dies der Beginn einer jahrelangen Odysee wird. Eine harmlose Harnwegsinfektion, eine verpfuschte OP und zwanzig Jahre mit chronischen Schmerzen sind in diesem fast 600 Seiten starken Plädoyer niedergeschrieben.
Fünfzehn Minuten – so viel Zeit verbringt ein Arzt im Durchschnitt mit einer Patientin – reichen ja nicht mal aus, um die Vorgeschichte eines Menschen bei bester Gesundheit zu dokumentieren, geschweige denn die einer sehr kranken Person, und sind auch nicht genug, um sich ein umfassendes Bild von Ernährung, Bewegung, Schlaf und Fürsorge zu machen.
Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt. Teil 1 beginnt mit ihrer, zuerst angenommenen harmlosen Harnwegsinfektion, die nicht ausheilt, falsch behandelt wird und zu unerträglichen Schmerzen führt. Während Ramey, auf ihrer Suche nach einer Diagnose, zwischen Ärzt*innen, Kliniken und Behandlungen hin-und her tingelt, beginnt sie mit eigenen Recherchen. Ihr fällt auf, dass es fast immer Frauen trifft, Frauen mit mysteriösen Krankheiten die im Buch liebevoll WOMI (a woman with mysterious illness) genannt werden, denen nicht geholfen wird und denen oft „irgendetwas psychosomatisches“ attestiert wird.
75 Prozent aller Personen mit Autoimmunerkrankungen sind weiblich.
Nach der Hälfte des Buches, in Teil 2, stößt sie dann immer mehr auf den Zusammenhang zwischen (oft frühen) Traumata, anhaltendem Stress, Hormonen, chronischen Entzündungen und Autoimmunerkrankungen. Ich habe einiges gelernt über ME/CFS und das CRPS (komplexes regionales Schmerzsyndrom), sie holt die Erkrankungen, ihre Crashs (die oft nach einer neuen Behandlung auftreten) komplett aus der Tabuzone und redet wirklich ungeniert über ihre Schmerzen und ihr Seelenleben. Und ich hoffe dass es Menschen mit diesen Erkrankungen etwas Mut machen kann zu wissen: ihr seid nicht alleine. Fast schon mehr würde ich mir allerdings wünschen, dass nicht chronisch kranke Menschen diese Bücher lesen um zu verstehen. Kurze CN: Es gibt teilweise explizite Beschreibungen von Eingriffen.
Es gibt Belege, dass medizinische Fachkräfte Frauen mit Schmerzen weniger ernst nehmen. Wenn es sich dann noch um Frauen of Color oder anderweitig marginalisierte Frauen handelt – vergiss es.
Im letzten Teil führt Ramey dann endlich alle zusammen und beschreibt ihr Leben mit ihren chronischen Erkrankungen und was sie tut um es so angenehm wie möglich zu gestalten. Generell fand ich dass das Thema, wie es hier vermarktet wird, nämlich warum weibliche Krankheiten nicht ernst genommen werden, was unter anderem auch auf die schlichtweg fehlende Forschung zurückzuführen ist und in tiefer Misogynie verankert ist, etwas zu kurz kam.
Niemand interessiert sich die Bohne für diese Krankheiten, weil sie mit Frauen und Hormonen und Kacka und untenrum zu tun haben – und das ist Grund genug, um die Sache in der gesellschaftlichen Debatte unsichtbar zu machen.
Am Ende läuft es auf diesen Ansatz heraus: Gesundes Essen, Bewegung, ausreichend Schlaf und wenig Stress als gute Basis, dazu Ärzt*innen, die sich auf einen ganzheitlichen Ansatz konzentrieren, die mysteriöse Erkrankungen ernst nehmen und vor allem zuhören. Sie erkennt am Ende an, dass dies kein einfacher Weg ist und nicht für alle gleichermaßen funktioniert, dass individuelle Lösungen gefunden werden müssen. Man merkt, dass sie versucht ihren Leserinnen Mut zu machen mit ihrer eigenen Geschichte und ich würde das Buch daher auch mit Abstrichen empfehlen, lest es als Autobiografie und Erfahrungsbericht und bitte nicht als Gesundheitsratgeber.
Und so ist der Club der hysterischen Frauen entstanden – ein Buch für Tanten, Arbeitskolleginnen, Schwestern und Freundinnen – ein Buch, das sie ihrer Selbsthilfegruppe, ihrer Familie, ihrem Buchclub empfehlen kann – ein Buch mit einer ganz einfachen Botschaft:
Du bist nicht verrückt.
Und, noch viel wichtiger: Du bist nicht allein.
Kommen wir zu meinen Kritikpunkten:
- Ramey schweift oft ab, was die 600 Seiten erklären, nicht nur auf ihrem eigenen Weg, auch medizinisch gibt es oft Exkurse. Ich möchte nicht den Weg der Autorin zu kritisieren, denn spätestens wenn man selbst „mysteriös“ erkrankt, wird man nachvollziehen können, dass sich an jeden noch so absurden Strohhalm geklammert wird, aber mir persönlich war es im Mittelteil dann doch teilweise etwas zu esoterisch angehaucht. Dank des sehr flüssigen Schreibstil lässt es sich allerdings wirklich gut und schnell lesen, der medizinische Input ist auf Grund der Menge aber oft schwer zu verarbeiten.
- Ramey kommt aus einer besonders finanziell sehr privilegierten Situation. Beide Elternteile sind selbst Mediziner und sie erwähnt gerade am Anfang sehr oft, dass sie nur die „besten Ärzt*innen“ aufsucht, mir ist klar, dass sie dies schreibt um darauf hinzuweisen, dass selbst das „beste“ ihr nicht helfen kann, es könnte aber ein negatives Gefühl hinterlassen, wenn mensch als Lesender sich selbst die ganzen Tests und Besuche schlicht und einfach nicht leisten kann, was bei einem Gesundheitssystem wie in den USA nun auch einfach nicht von der Hand zu weisen ist. Sie kritisiert das am Ende dann selbst auch nochmal, da hat mensch sich dann aber schon durch 500 Seiten gelesen.
- Leider bleibt es beim binären Geschlechtersystem, sie erwähnt selbst dass sie sich feministisch damit auf dünnes Eis begibt, warum dann nicht anders machen?
- Durch ihre Recherchen kommt Ramey schlussendlich auf das Ergebnis, dass Gesundheit ein Zusammenspiel aus Medizin und einer gesunden Basis wie Ernährung, Bewegung und Ruhe ist. Und da gehe ich auch soweit mit, auch wenn es keine Heilung verspricht. Wo ich nicht mitgehe ist das Chemie-Bashing und der Hinweis nur noch „Naturprodukte“ zu verwenden, denn hier hätte ich mir dann doch eine bessere Differenzierung gewünscht, sonst schweift es zu schnell in Angstmacherei ab. Es gibt genug toxische Naturprodukte (Hallo Pilze) und auch eine natürliche Creme wird in irgendeinem Labor hergestellt.
Unbezahlte Werbung, das Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.
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